13. Mai 2012

Darf man den Henri Nannen-Preis ablehnen?

von brigitte kramer

Diskussion beim Medienportal Newsroom zum Eklat um den Henri Nannen Preis 2012

Meine Meinung dazu, und die Einschätzung anderer Journalisten

7. Mai 2012

Neue Spötter ziehen übers Land

von brigitte kramer

Erschienen in der Mallorca Zeitung

Die alte Kunst des improvisierten Spottgesangs erlebt auf Mallorca ein Revival – junge „glosadors” kritisieren auf unterhaltsame Weise die Politik und treffen den Nerv der Zeit

Wenn den Mallorquinern in der öffentlichen Diskussion die Argumente ausgehen oder ihnen der Mund offen stehen bleibt, dann gehen sie in sich und warten ab. Irgendwann greifen sie dann zur Geheimwaffe: Mit spitzen Worten und scharfen Gedanken machen sie sich über jene lustig, die ihnen ans Eingemachte wollen. Dabei fordern sie niemanden offen heraus, alles bleibt angedeutet. Eine Regel des Zusammenlebens auf der Insel besagt nämlich, dass man sich keine Feinde schaffen solle, dafür sei Mallorca zu klein. In diesem Sinn ist die glosa, der auf Mallorquinisch gereimte, improvisierte Spottgesang, das Kernstück insularen Kommunikationsverhaltens.

Foto: Nele Bendgens

Sie wird neuerdings wieder gepflegt, nach einem 50-jährigen Dornröschenschlaf. Die neuen trobadors sind um die 30, haben von der Generation ihrer Großeltern gelernt, wie man singend das Volk unterhält und die Mächtigen kritisiert, ohne dabei langweilig oder beleidigend zu werden. Wenn sie sich zu einem sogenannten combat de gloses, einem Wettstreit der Spötter, zusammentun,in einer Bar der Part Forana, in Petra, Lloret oder Sant Joan zum Beispiel, dann zeigen sie dem Publikum, wie viel Sinn für Ironie und Sarkasmus die Mallorquiner haben und wie wortgewandt und scharfsinnig sie sein können.

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6. Mai 2012

Baskischer Meisterkoch Arzak: Der Drei-Sterne-Kindskopf

von brigitte kramer

Erschienen in MARE/Spiegel online

Fernseher als Essens-Unterlage und Sand auf dem Teller: Im weltbekannten Restaurant Arzak müssen sich Besucher auf ungewöhnliche Anblicke einstellen. Jedes Gericht hat ein Konzept, das der Gast entdecken soll – zum Beispiel beim “Seeteufel auf Ebbe”, bei dem fast nichts so ist, wie es scheint.

Nichts ist schöner, als den Finger in Spinat zu tauchen oder von Fischstäbchen die Kruste abzupulen. Nur eins war uns Kindern verboten: vor dem Fernseher zu essen. Das war nur zu besonderen Anlässen erlaubt, bei “Wetten, dass …?” oder “Dalli Dalli”.

Juan Mari Arzak ist da großzügig. Der Baske lässt die kleinen und großen Gäste seines “Restaurante Arzak” nicht nur vor, sondern auf dem Fernseher essen, sie müssen nicht mal ihr Zimmer aufgeräumt haben. Sechs TV-Teller stehen bei ihm im Geschirrschrank, entwickelt von Philips, exklusiv. Wer möchte, kann sich einen Seeteufel auf Wellenrauschen bestellen, ohne Aufpreis: ein digitaler Bilderrahmen, darauf der Fisch – hurtig, Kinder, zu Tisch!

Freilich geht es ihm nicht ums Programm, sondern ums Essen, die TV-Wellen rauschen eher im Hintergrund. Juan Mari Arzak der Große, weltberühmt nicht nur in Spanien, Drei-Sterne-Kochavantgardist seit Jahrzehnten, Reformator der baskischen Küche, er kocht auch für die kindliche Seele. An sie richten sich seine kulinarischen Märchen.

Eins davon heißt “Seeteufel bei Ebbe”, und dabei geht es darum, dass nichts so ist, wie es scheint. Gut, die Wellen sind echt. Zumindest das Bild von ihnen. (Wer sie wirklich sehen will, der muss das “Arzak” verlassen und sich einen Spaziergang entfernt an den Strand von Zurriola stellen. Er ist einer der schönsten an der Biskaya und einer von dreien, die San Sebastián zu Füßen liegen.)

Aber der Seeteufel ist echt. Ein zartes kleines Stück, gesalzen und gebraten. Mehr nicht. Darum herum liegen orangefarbene Fischeierchen, rote Korallenspitzen, blaue Seesternchen. Und auch eine Herzmuschel liegt im Sand – ja wirklich, auf dem Teller ist Sand! – und daneben ihre Schale. Doch halt: Die Eier schmecken nach Paprika, die Sterne nach Pomeranze, die Korallen sind kross, die Muschel formfest, ihre Schale süß und zerbrechlich. Der Sand knirscht nicht zwischen den Zähnen, er schmeckt nach Ingwer, Rosen und Jasmin, Apfel, Nuss und Mandelkern – das ist doch alles erfunden und gelogen!

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22. April 2012

Die wilde Seite Mallorcas

von brigitte kramer

Unterwegs in der Serra de Tramuntana

Der Bergrücken am Meer ist Welterbe der Unesco. Mallorcas Lebenskultur ist dort spürbar

Erschienen in der NZZ am Sonntag, 8.4.2012

Velo- und Cabriofahrern, Badenixen und Bergfexen war sie schon lange ein Heiligtum. Seit letztem Juni ist es offiziell: Mallorcas Serra de Tramuntana, der 90 Kilometer lange Gebirgszug zwischen Andratx und Pollença, ist Welterbe der Menschheit. Die Unesco hat ihre Gipfel und Schluchten, ihre Höfe und Buchten unter Schutz gestellt.

Auf dem rund 1100 Quadrat­kilometer grossen Gebirgsrücken stehen jahrhundertealte Bergbauernhöfe, umgeben von Terrassen, handgeschichteten Trockenmauern und Wasserkanälen arabischen Ursprungs. Wer zum Beispiel den alten Postweg von Esporles nach Banyalbufar geht, dem öffnet sich auf halber Strecke ein Blick über weitläufige Terrassenfelder, welche die Umayyaden vor rund tausend Jahren erstmals angelegt haben. Sie schmiegen sich in das Land am Meer und ermöglichen an den Steilhängen der Westküste den Anbau von Tomaten, Wein oder Zitrusfrüchten.

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3. April 2012

Tempel der Einfachheit

von brigitte kramer

Das sorgsam in die Natur eingefügte Wohnhaus von Jørn Utzon auf Mallorca ist restauriert worden. Mit dem Opernhaus von Sydney wurde Jørn Utzon berühmt. Später baute er sich auf Mallorca ein ganz in die Landschaft integriertes Haus. Nun kann das restaurierte Bauwerk besichtigt werden.

Erschienen in der NZZ, 3.4.2012

Wer heute an der Südküste Mallorcas zwischen Portopetro und dem Naturpark Mondragó entlangfährt, dem zeigt sich der Streifen Land noch immer so wild wie vor mehr als 40 Jahren dem dänischen Architekten Jørn Utzon. Eine schmale, asphaltierte Strasse, die mittlerweile seinen Namen trägt, verläuft direkt an der felsigen Küste, gesäumt von ein paar Ferienhäusern. Zwischen Strasse und Meer steht auch Utzons Can Lis, die bis in die neunziger Jahre ständig bewohnt und danach regelmässig genutzt wurde. Das Haus ist nach Lis Fänger benannt, mit der Utzon 66 Jahre lang verheiratet war und die 2010 – zwei Jahre nach dem Architekten – in Dänemark gestorben ist. Das Haus auf den Felsen ist aus lokalem Marés-Stein erbaut. Die hellen Klötze sind rau, spröde und fleckig. Kein Wunder, denn sie sind Wind und Wetter ausgesetzt. Das Haus steht ein paar Schritte vom Abgrund entfernt. Es heisst, bei Wind spritze dort die Gischt an die Scheiben und bei gutem Wetter blende die Sonne durch die grossen Fenster so stark, dass der Meerblick in den Augen schmerze.

Die Lage der Can Lis ist ziemlich abenteuerlich für den Ruhesitz eines Stararchitekten, der dank der Oper von Sydney zu Geld und Ehren gekommen war. Das berühmte Bauwerk trieb ihn aber auch fast zur Verzweiflung. Streit wegen explodierender Kosten und künstlerische Unstimmigkeiten brachten Utzon sieben Jahre vor Fertigstellung des Opernhauses dazu, vom Projekt zurückzutreten und Australien 1966 für immer zu verlassen. Selbst als er 2003 den Pritzkerpreis für sein Lebenswerk und besonders für das Opernhaus bekam, schlug er die Einladung nach Sydney «wegen gesundheitlicher Probleme» aus. Dabei hatten die Utzons Australien geliebt. Deshalb suchten sie in Europa ein ähnlich wildes Küstenland mit heissem Klima. Auf Mallorca fanden sie ein «Australien ohne Druck und Erwartungen», ein «Australien, in dem sie nicht von Fans verfolgt, von Journalisten belästigt und von den Einheimischen erkannt wurden». Hier wähnten sich die Utzons im Paradies.

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19. März 2012

Zweihundert Jahre «la Pepa»

von brigitte kramer

Cádiz feiert Spaniens erste Verfassung – Diskussion über demokratische Werte

Im Jubiläumsjahr finden in Cádiz politische Gipfeltreffen, Kultur-Events und Ausstellungen statt.

Der Gesetzeskatalog von 1812 war Spaniens erster Demokratie-Entwurf, der 119 Jahre später gelingen sollte. Bis heute lassen Redner und Revoluzzer die Verfassung von Cádiz als Symbol der Freiheit hochleben.

Erschienen in der NZZ, 19.3.2012

Sie starb jung, wie Marilyn Monroe. Deshalb ist sie bis heute, 200 Jahre nach ihrer Geburt, ein Mythos. Die erste von einem Parlament erlassene spanische Verfassung entstand am 19. März 1812, dem Tag des heiligen Josef. Deshalb taufte sie das Volk Pepa, abgekürzt für Josefa. Der Ausruf «¡Viva la Pepa!» (Hoch lebe die Pepa!) verleiht revolutionären Reden noch immer Nachdruck und fasst in drei Wörtern zusammen, was viele Spanier derzeit wieder fordern: Die Mitsprache eines Volkes, das zwar seit 34 Jahren in einer Demokratie lebt, aber noch an deren Perfektionierung arbeitet.

Verfrüht und verherrlicht

Spanien erliess seine Verfassung kurz nach den Vereinigten Staaten (1787) und Frankreich (1791). Diese war eine der liberalsten der Welt, trat aber nur dreimal kurz in Kraft, in den Jahren 1812, 1820 und 1836. Ihre Geburt war eingebettet in die absolutistischen Monarchien von Karl IV. und Ferdinand VII., in die Zeit der Invasion Napoleons (1807–1814) und des spanischen Unabhängigkeitskriegs. Der Gesetzestext stellt den Versuch einer bürgerlichen Revolution und eines modernen Staates dar. Den Gründungsvätern der jungen Länder Lateinamerikas diente er zum Vorbild, denn er definierte die Menschen nicht mehr als Untertanen, sondern als Bürger mit Wahlrecht, und zwar dies- und jenseits der Weltmeere. Im ersten Artikel steht: «Die spanische Nation ist die Vereinigung aller Spanier beider Hemisphären.»

In ihren 384 Artikeln legte die Verfassung von Cádiz die Souveränität der Nation und die Gewaltenteilung fest und schwächte damit die Position des Königs. Sie garantierte die Gleichheit (hellhäutiger Männer) vor dem Gesetz, die Freiheit des Individuums (sofern es nicht weiblich, dunkelhäutig oder versklavt war) sowie das Recht auf Eigentum, Bildung und freie Meinungsäusserung (ausser in religiösen Dingen). In Artikel 13 steht der Satz: «Das Ziel der Regierung ist das Glück der Nation, denn der Sinn jeder politischen Gesellschaft ist kein anderer als der des Wohlstands aller Individuen, die sie bilden.

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4. März 2012

Predigen an wüsten Küsten

von brigitte kramer
Erschienen in MARE Nr 90
Sie brachten Pockenviren, Gebetsbücher und Weinstöcke in die Neue Welt. Dazu hatten die spanischen Konquistadoren – und in ihrem Gefolge die Missionare – auch ein immaterielles Erbe im Gepäck. Sie hatten es ausgerechnet von jenen geerbt, die ihre Väter vertrieben hatten: den Arabern. Ihnen hatten die Spanier die Oasenkultur zu verdanken, die sie über den Atlantik weitertrugen. Ohne sie wäre die Eroberung Kaliforniens und Mexikos nicht so verlaufen, wie es in den „Libros de Misiones”, den Büchern der Missionen, geschrieben steht.

www.mexicodesconocido.com.mx

Jesuiten, Franziskaner und Dominikaner verbreiteten vom Ende des 17. Jahrhunderts an, im Halbschatten von Palmwedeln und beim Geplätscher der Bewässerungskanäle, den christlichen Glauben und einen Teil spanischer Kultur. Hätten sie nicht gewusst, wie man Wassergräben anlegt, deren Gefälle berechnet und Verlauf lenkt, wie man Setzlinge zieht und die Blätter ausgewachsener Palmen so zuschneidet, damit sie ausladend wachsen, Schatten spenden, verdunstendes Wasser abfangen und es in der Nacht auf Luzerne und Granatäpfel, auf Wein und Gemüse, auf Oliven, Baumwolle und Papaya tröpfeln lassen, vielleicht wären der Südwesten der Vereinigten Staaten und Mexiko dann heute nicht hispanisch.

Vielleicht wären die Missionare verdurstet, San Diego, San Francisco, Santa Barbara, Sacramento, Las Vegas und Los Angeles hießen heute anders, vielleicht wäre alles anders gekommen, und Spanisch wäre heute nicht die zweitgrößte Sprachgruppe der Welt, wenn die Spanier nicht ihrerseits von den Arabern erobert worden wären und von ihnen gelernt hätten, wie man eine ordentliche Oase anlegt und darin an jedem Ort des Wüstengürtels der Erde überleben kann, vorausgesetzt, es gibt einen Fluss oder man stößt auf Grundwasser. Denn Oasen sind überall dort lebenswichtig, wo mehr Wasser verdunstet, als vom Himmel fällt.

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4. März 2012

Unter hungrigen Geiern

von brigitte kramer

95 Prozent aller europäischen Aasvögel leben in Spanien. Dort sind sie nun von giftigen Ködern bedroht. Denn hungrige Gänsegeier machen sich über lebende Schafe und Kälber her. Wissenschafter schlagen Alarm.

Merce Gili.La Vanguardia

Erschienen in der NZZ am 1.3.2012

Der Frieden, den Geier und Menschen in den Pyrenäen vor ein paar Jahren geschlossen haben, ist nach Ansicht von spanischen Wissenschaftern gefährdet. Sie haben in der renommierten britischen Fachzeitschrift «Nature» einen Artikel publiziert, in dem sie «eine sofortige Lösung im aufkommenden Konflikt zwischen Geiern und Bauern in Spanien» fordern. Während Tierschützer und die Regionalregierung von Katalonien die auffällig orange-braun gefärbten, majestätischen Bartgeier und die zerzaust wirkenden, braunen Mönchsgeier wieder auswildern, wollen die Bauern den zweifarbigen Gänsegeiern an den langen, flaumigen Kragen. Sie werden ihnen zu frech.

Um ihren Hunger zu stillen, verhalten sich die mehr als 2000 Exemplare des Gänsegeiers (Gyps fulvus) in Katalo- nien nicht mehr artgerecht. Sie fressen nicht nur Aas, sondern fallen auch lebende Weidetiere an, mehr als tau- send Fälle wurden in den letzten Jahren registriert. Die Viehzüchter in den Bergtälern der Grenzregion fühlen sich von den Raubvögeln mit einer Spann- weite von knapp drei Metern bedroht. Sie sehen sie immer öfter über ihren Herden kreisen und müssen neuerdings sogar bremsen, weil Gänsegeier-Gruppen zu Fuss die Landstrasse überqueren. Das hat nun Alarm ausgelöst. Die Viehzüchter haben den Krieg er- klärt. Sie legen wieder giftige Köder aus, obwohl diese seit 1995 in Spanien verboten sind. 250 vergiftete Geier wurden in letzter Zeit gezählt, nicht nur Gänsegeier, sondern auch vom Aussterben bedrohte Mönchs-, Bart- und Schmutzgeier.

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23. Februar 2012

Cheerio, Señor Nelson!

von brigitte kramer

Erschienen in Mare Nº 90, Februar/März 2012

Die Schlacht von Trafalgar geht in eine neue Runde. Ein spanischer Koch hat ein Getränk kreiert, in dem die Zutaten miteinander ringen: Gin oder Alge? England oder Spanien? “Sea Tonic” heißt das Gefecht zwischen Gaumen und Kehle.

Angel León ist ein furchtloser Mann. Umgeben von Destillerien und Bodegas, hat der andalusische Sternekoch einen Cocktail kreiert, dessen Zutaten zum Teil aus Großbritannien stammen. Ausgerechnet Großbritannien. Den “Sea Tonic” serviert er in dem Küstenort El Puerto de Santa María, direkt neben der Stadt Jerez, deren Namen die Engländer nicht aussprechen können und die sie deshalb Sherry nennen, wie den hiesigen Wein. Ein paar Meter von seinem Restaurant “Aponiente” entfernt wird seit 250 Jahren ein Wahrzeichen Spaniens gebrannt, Brandy der Marke Osborne.

Doch weder Brandy noch Sherry haben den besten Koch der Region inspiriert. Es mussten Londoner Gin und nordenglisches Tonic Water sein. Hier, neben der britischen Exklave Gibraltar und dem Kap von Trafalgar, wo Lord Nelson die spanische Armada von den Seekarten gefegt hat, serviert Ángel León “Fifty Pounds” und “Fentimans” mit einer maritimen Note. Vorerst steht der Drink noch nicht auf der Karte. “Wir sind in der Probephase. Noch schmeckt der Sea Tonic den Ausländern besser als den Einheimischen”, sagt Sommelier Juan Ruiz.

Die haben noch nicht verstanden, dass das neue Rezept keine Reverenz an die einstige Großmacht ist, sondern ein Degenstich. Denn der Koch und sein Sommelier haben zum Besten britischer Destillerien das Einzigartige der andalusischen Atlantikküste gemischt: Graugrüner Meeresspargel, rotbraune Algen und spinatgrünes Plankton sind die neuen Waffen gegen die einstigen Sieger. Püree aus Einzellern “Das macht uns so schnell keiner nach”, sagt Juan Ruiz, während er in einem weißen Keramiktöpfchen eine glibberige Masse verrührt: pulverisierte und nun gewässerte Einzeller des Meeres.

Foto: Aponiente

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16. Februar 2012

Wieder selbst Hand anlegen

von brigitte kramer

Spaniens Architekten suchen nach Auswegen aus der Krise

Knapp die Hälfte der spanischen Architekten ist arbeitslos, Tausende haben das Land verlassen. Kammer und Gewerkschaft versuchen nun, das Berufsbild neu zu definieren und Arbeitsfelder zu öffnen.

Erschienen in der NZZ, 16.2.2012

Ende vergangenen Jahres erschien auf der Website der Madrider Architektenkammer ein Arbeitsangebot, das aufhorchen liess: Ein «international renommiertes» Architekturbüro suchte darin einen freiberuflichen Büroleiter mit fünf- bis zehnjähriger Berufserfahrung. Zahlreiche technische, akademische und sprachliche Fähigkeiten sowie Belastbarkeit und Einsatzfreude auch an Feiertagen wurden gefordert. Als Brutto-Jahresgehalt bot das Unternehmen zwischen 15 000 und 24 000 Euro. Ein Aufschrei ging durch die Branche. Bei einer Arbeitslosenquote von knapp 50 Prozent und nach jahrelanger Ausbeutung als sogenannte «falsche Selbständige» haben Spaniens Architekten nun «Basta» gesagt. Mitglieder der ersten, 2010 gegründeten Architektengewerkschaft Sarq haben ihren Unmut im Netzwerk www.actuable.es verbreitet, wo immer mehr Spanier Unterschriften sammeln und auf herrschende Missstände verweisen. Dort machte die unverfrorene Anzeige Karriere: Spaniens auflagenstärkste Medien griffen das Thema auf und diskutierten öffentlich darüber.
 

Foto: Adrià Goula

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